Unterwegs auf der Panzerwiese oberhalb von Markdorf

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Zum Tourismus in meiner Stadt

Ich habe mit Interesse gelesen, dass die Stadt Markdorf plant die Arbeiten zum Stadtmarketing und dem Tourismus im Gemeindeverwaltungsverband zu konzentrieren.

Ich bin mir nicht sicher ob das eine kluge Idee ist. Die Gedanken hierzu möchte ich hier gerne mit euch teilen. Beginnen wir mit den Basics zum Tourismus.

Was ist Tourismus?

In meinen und einfachen Worten ausgedrückt: Das Unterwegs-sein. Tourismus ist der beobachtbare Effekt, der dann sichtbar wird, wenn Menschen auf der Suche nach etwas sind, dass sie am aktuellen Ort des Aufenthalts nicht finden können. Also machen sie sich auf den Weg. So bewirkt beispielsweise eine Fahrt nach Mekka Tourismus. Jährlich pilgern Tausende und Abertausende von Menschen nur wegen ihres Glaubens an die Kaaba. Ihre Motive sind uns oft verborgen aber sie sind sicher von religiöser Art. Tourismus bedeutet auch eine Reise zu buchen, im besten und nächsten Reisebüro der Stadt oder im Internet. Tourismus ist auch der Aufenthalt in den Bergen und der Natur um Erholung zu suchen und dort etwas zu finden, das Sinn stiften kann. Für die Menschen in dem Verein, deren Leidenschaften ich in der Öffentlichkeit vertreten darf, bedeutet das Erfüllung.

Was will Tourismus?

Tourismus ist nicht meine Profession aber ich habe ein paar Aufsätze über die Strategie zu Tourismus von Vorarlberg und Tirol gelesen und ein wenig auf den Seiten der Vereinten Nationen herumgestöbert, genauer auf den Seiten der UN über Tourismus. Ich mache es kurz: Tourismus will eine wenn nicht die Destination sein. Alle jenen, den das Marketing rund um den Tourismus bekannt ist, ist dies ein Begriff. Ich persönlich halte die Wortwahl für unfassbar ungeschickt, weil wieder mal ein weiterer Anglizismus den Weg in unsere Sprache findet, der unzureichend reflektiert und mit den dadurch bedingten Mehrdeutigkeiten nichts anderes bewirkt als Unsicherheit. Meine Übersetzung für Destination ist das deutsche Wort BESTIMMUNG. Wenn wir das jetzt für uns verwenden, dann ergibt sich folgendes Bild: Tourismus möchte erreichen, dass Menschen in ihrem Unterwegs-sein Erfüllung erfahren und letztlich darin ihre Bestimmung erkennen.

Destinationen entwickeln

Wenn es nun also gälte die Bestimmung der Menschen im und durch Tourismus sichtbar zu machen sollten wir uns auf die Suche danach machen. Das ist nicht ganz einfach aber machbar. Allerdings beginnt die Suche an einem Ort, der für viele von Euch sicherlich überraschend sein dürfte.

Er beginnt bei mir.

Ich bin zugezogen oder reingschmeckt oder neigschmeckt wie man hier unten sagt. Den wirklichen Unterschied habe ich mir nie merken können. Meine Kinder sind in Ittendorf, einem Ortsteil von Markdorf aufgewachsen und dort in den Kindergarten und später dann in Markdorf zur Schule gegangen. Eins darf studieren, das andere steht kurz vor dem Abitur. Ich bin ein Mann im besten Alter, der kurz vor dem leeren Nest steht. So würde das in der Sprache des Marketing lauten. Ich selbst hab mal bei AIRBUS geschafft und bin dann später böse verunfallt, wie böse könnt ihr hier nachlesen. Mit Blick zurück würde ich heute sagen ich habe alles verloren und doch alles gefunden. Dieser Moment ist sehr kostbar und doch will ich ihn gerne mit euch teilen weil er einmalig ist:

Ich geh hier nicht mehr weg. Ich bleibe hier. Ich habe mich jetzt lang genug herumschubsen lassen. Dieser Ort ist der an dem ich wieder zu mir finden konnte. Hier ist alles was ich will und was ich brauche.

Sicherheit, Schutz und Geborgenheit durch Gemeinschaft

Es gibt bei uns freiwilliges Engagement in Massen. Das Mehrgenerationenhaus beispielsweise ist voll von guten Ideen und ein sicherer Ort. Es war Hafen für alle gestrandeten wie mich. Aber es ist – und das ist wichtig – ein Ort darüber, dass wir unserer Sorge für das Wohl der Menschen sichtbar Rechnung tragen. Wir kümmern uns. Es gibt nur sehr wenig Orte auf der Welt wo so deutlich Verantwortung für das gegenseitige Miteinander bewiesen wird. Wenn wir jetzt diese Verantwortung für das gemeinsame Miteinander auf den Tourismus übertragen, dann bewirkt das Sicherheit (bitte bis zur Nachhaltigkeit blättern) – für mich und uns alle. Die Botschaft an die Kunden oder Gäste wäre: Hier bist zu sicher, wir sorgen uns um dich.

Fürsorge durch Anteilnahme

Dieser Effekt geht so weit, dass er mich selbst immer wieder überrascht: Es ist möglich das eigene Auto irgendwo stehen zu lassen ohne es abschließen zu müssen. Man kann auch mal die Haustüre offen stehen lassen ohne das man Gefahr läuft, dass einem die Bude leer geräumt wird. Wenn es gar zu offensichtlich wird, kommt der Nachbar, klopft vorsichtig an die Türe und sagt: Alles gut bei dir? Das sind geradezu kanadische Verhältnisse. Da schließt niemand ab. Wenn wir jetzt diese Anteilnahme, dieses Interesse am Gegenüber (das Konzept hierzu) auf den Tourismus übertragen dann wird daraus: Du kannst die Seele baumeln lassen, wir geben acht auf dich, es bewirkt Gelassenheit.

Hygiene

Wenn mal irgendwo was rumliegt etwa weil es achtlos weggeworfen wurde dann kommt eine*r, hebt es auf und wirft es weg. Ich finde in Markdorf und Umgebung ist es überdurchschnittlich ordentlich, sauber und aufgeräumt. Klar es gibt schmutzige Ecken. Aber in Summe sieht es proper aus. Es fühlt sich nicht sonderlich dreckig oder schmutzig an. Wenn wir jetzt dieses gelebte Bedürfnis nach Sauberkeit und Ordnung auf den Tourismus übertragen, dann kann das (für mich überraschende) mentale Gesundheit bewirken. Dieses Konzept auf den Tourismus übertragen schafft Raum für Menschen die mental verletzt (sorry, das musste sein 😉 oder verwundet sind – so wie ich – sie können hier genesen.

Umgebung

Davon haben alle reichlich. Aber wir haben hier noch ein bisschen mehr. Wir haben hier Natur. Klar, es sind nicht die Alpen oder die Kreidefelsen auf Rügen aber immerhin gibt es einen Berg. Unsere Umgebung hier ist so beschaffen, dass sie als ideal dafür angesehen werden kann in endlicher Zeit mit dem Rad (das ist ausbaufähig) oder zu Fuß erkundet und erobert zu werden. Tagestouren mit dem Rucksack sind genauso drin wie eine Runde mit dem Bio-Rad um den Gehrenberg. Wenn wir also das Konzept für Mobilität in den Tourismus übertragen, dann eröffnet das Möglichkeiten die Umgebung im wörtlichen Sinne zu erfahren.

Sehnsucht & Nachhaltigkeit

Im Marketing und in der Produktentwicklung wird oft davon gesprochen, dass etwas zum Ort unserer Sehnsucht stilisiert oder insgesamt begehrenswert erscheinen muss. Ich tue mich da schwer mit, zuvorderst weil es mir unausgewogen erscheint. Ich begreife Sehnsucht als etwas das absichtlich leer gelassen werden muss um eine Spannung dafür zu erzeugen den nächsten Weg antreten zu wollen. Die Marketing-Menschen reden hier von Resonanz. Ich finde meinen persönlich besten Resonator auf dem Turm hoch oben auf dem Gipfel des Berges den wir alle kennen. Wenn ich über die Stadt zum See hinabblicke sehe ich in der Ferne die Berge. Diese sind zumindest im Augenblick für mich unerreichbar. Wenn wir jetzt dieses Konstrukt in den Tourismus übertragen kann das eine Spannung bewirken die das Verlangen nach mehr erhält.

Ich hoffe dieser Beitrag kann helfen ein bisschen Licht in das Dunkel der leeren Kassen zu werfen. Carsten