Ich war heute zu gast bei meinem Neurologen zur Verlaufskontrolle. Ich nehme da ein Medikament, dass es notwendig macht, regelmäßig einen blick auf mein Blutbild zu werfen. der Grund: es kann die weißen Blutkörperchen beschädigen. Soweit ich das verstanden habe.
Danach sitzen mein Neurologe und ich regelmäßig zusammen und tauschen uns aus. Mein Neurologe, Psychiater und Psychoterapeut möchte dabei gerne von mir wissen, ob ich ihm in psychischer Sicht stabil erscheine und mein Leben meistern kann. Das gelingt soweit ganz gut. So gut, dass ich – wenn ich es richtig verstanden habe – nur eine niedrige Dosierung des mir verordneten Medikaments einnehmen soll oder muss. und das jetzt schon acht (8) Jahre.
Soweit der Sachstand bis hier her.
Seit ein paar Wochen ist da etwas in Gange. Ich kann nicht beschreiben was es ist, ich kann es nur fühlen. ich fühle mich gut, vielleicht sogar heile. ich habe Antrieb. ich bin empathisch. Trauer, Schmerz und Verzweiflung sind Dankbarkeit und wenn es super läuft sogar Erfüllung gewichen. Natürlich nicht immer aber immerhin so oft dass ich Hoffnung schöpfe.
Ich stehe gerne auf, treibe Sport, erledige den Haushalt, habe Spaß am Kochen und am Essen. Lebe gern in meinem freiwilligen Engagement als Referent für Öffentlichkeitsarbeit im Alpenverein Friedrichshafen und treffe mich mit Menschen. Ich werde gemocht und geschätzt und manchmal auch um Rat gefragt. Auf deutsch ich mach mich nützlich und helfe dort wo nötig. Das gibt mir das Gefühl gebraucht und auch geschätzt zu werden.
Mit Blick auf meine alte Liebe und das alte Leben in der Geodäsie kann ich heute ohne Schmerz zurückblicken und sagen es ist OK. Ich hab verziehen und vergeben. Es gelingt mir sogar einigen Kapazitäten auf diesem Gebiet ein Bewusstsein darüber zu verschaffen, dass die Geodäsie für den vor mir verursachten Unfall heute nicht gut aufgestellt ist. Schon die Anerkennung hierüber genügt mir nun völlig.
Wenn ich mich umschaue, dann finde ich Anzeichen die mich zuversichtlich stimmen. Zuversichtlich darüber, dass mein Weltmodell nicht länger eine wirre Hypothese sondern längst seine Gültigkeit bewiesen hat. Ich finde auf den Webseiten meines alten Arbeitgebers Stellenbeschreibungen zur Standards die ich in meiner allerletzten Verzweiflung meinem einstigen Arbeitgeber angetragen habe. Ich erlebe Europa wie es sich zu gutem Projekt Management bekennt. Selbst die Praxis des Systems Engineering, einst eine Disziplin die (in meiner Blase) im nur der Luft- und Raumfahrt zugänglich war, ist heute jedermann zugänglich.
Soweit ich es bis hier her fassen kann
Ich möchte nichts beschönigen. Vor zehn Jahren ging es mir schlecht. Unfassbar schlecht. So schlecht, dass ich auf fremde Hilfe angewiesen war. Ich kann mich noch sehr gut an einen Satz erinnern, den ich meine damalig behandelnden Ärztin im zfp beim Klinikum Friedrichshafen offenbart habe: „Ich hab mich aufgelöst.“ Dies gilt auch heute noch, denn ich hatte mich aufgelöst in einer Realität die mir einst alles bedeutete und dennoch verloren gehen musste.
So wie die Sache heute aussieht habe ich meinen Schmerz von damals genügend überwunden. Die Sache bewältigt sozusagen. Nicht perfekt – ein paar Narben werden bleiben – aber doch so weit, dass ich mir mehr zutraue. Ich bin geerdet, habe Freunde und Familie, erfahre Freud und Leid. Erlebe Zuspruch und Ermunterung, darunter auch von kompetenten Menschen. Nicht immer perfekt aber immerhin doch soweit, dass mich genügend selbst regulieren kann, um motiviert zu bleiben.
Bis hier die Medizin.
Der Haken an der Sache: Ich hätte gerne mehr. So gerne würde ich den Zustand voller Erwerbsminderung und anerkannter Unfähigkeit zum Beruf verlassen, um das zu tun was mich erfüllt, was mir Spaß macht und Freude bereitet: Zu helfen, sich nützlich zu machen und gebraucht zu werden. Ich will nicht reich werden, nur entschädigt für den mir entstandenen Aufwand.
Ich würde sogar soweit gehen, gegenüber aller Welt und besonders meiner Versicherung zur Unfähigkeit im Beruf zu erklären: Eine sehr gute Idee, ich bin dankbar für den gewährten Schutz. Dankbar dafür das ihr ein Risiko versichert habt, dass wir noch nicht kannten. Die unbekannten Unbekannten also. Dieses Geld hat meinen Kindern den Weg in das Leben geebnet und unser Überleben gesichert. Meine Hochachtung.
Allerdings beiße ich hier aktuell auf Granit. Ein Teil der beteiligten Akteure rät mir: Halt die Beine still. Nimm das Geld und lass gut sein. Du hast ausgesorgt. Ein anderer Teil sagt: Interessante Idee, könnte funktionieren. Der hierüber zuletzt konsultierte und auch kompetente Teil schließlich: Du bist weiter als alle anderen.
Also bin ich wie fast alle Snowboarder beim Aufstehen nach der Befestigung der Schuhe in der Bindung so sind: Unsicher in der Balance darüber wie ich hier weiter verfahren will und kann.
Bis hier mein Management.
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