Interoperabilität im Interesse der Sicherheit
Eine der kuriosesten Sachen, die ich je machen durfte war an einer geheimen Studie zum Ausbau militärischer Fähigkeiten bei der gleichzeitigen Nutzung eines bildgebenden Satelliten mitarbeiten. Die Arbeit diente einem höheren Interesse, nämlich der Verbesserung der „Interoperabilität“ zwischen Nationen. Wer da alles beteiligt war ist eigentlich nicht so wichtig. Viel wichtiger ist aber was wir da abgeliefert haben.
Schrott. Einfach nur Schrott. Wir waren so schlecht, dass schließlich alle Kunden (das sind dann die Ministerien über die Verteidigung oder ähnliches) sich enttäuscht zurückzogen und das Programm hierzu schließlich zum Stillstand kam und schließlich stillgelegt wurde. Bis heute.
Wenn ich die Sache so rückwirkend betrachte, dann denke ich dass es überhaupt keine gute Idee ist irgendwelche Satelliten mit militärischen Fähigkeiten fett lackiert in das All zu schicken. Es hat ja schließlich einen Grund warum die ganzen Soldaten ständig in bunt durch die Gegend rennen: Bloß nicht auffallen, Überleben ist alles.
Also wäre der erste Schritt der, dass ich mich darum kümmern würde, meine Fähigkeiten gut getarnt irgendwo dort unterzubringen wo sie niemand vermuten würde. Das Signal im Rauschen ertränken sozusagen. Dafür bietet es sich an auf zivile Anbieter von Leistungen zur Erdbeobachtung auszuweichen. Da falle ich als Mitglied des strategischen Kommandos zum Ausstieg aus dem Karbon natürlich sofort auf. Ich falle auf, weil ich wohl einer der ganz wenigen bin, die da mit bunt aufschlagen. Vielleicht sollte ich mir also lieber Zivilkleidung zulegen, bevor ich dort einkaufen gehe. Die habe ich in meinem Schrank. Also alles gut.
Der nächste Schritt wäre dann der, die Wahrscheinlichkeit des Aufdeckens meiner Ambitionen weiter dadurch zu reduzieren, dass ich meine Fähigkeiten dadurch bewirke, dass ich nicht nur bei einem Anbieter von Bilddaten einkaufen gehe sondern gleich bei mehreren. Meine Gegner müssten dann schon mal orakeln: „Was will der bloß damit?“.
Soweit das militärische.
Nun zum wirtschaftlichen Teil: Um unseren Planeten kreist mittlerweile eine abartig große Anzahl von Satelliten. Ich hab da aktuell keinen Überblick und vermeide aus hygienischen Gründen auch eine Recherche hierzu. Aber ich bin mir einigermaßen sicher, dass wir nicht mehr sehr weit davon entfernt sind 24/7 ein Filmchen in Echtzeit auf meinen Monitor zu bringen. Zumindest wäre das ein brauchbares strategisches Ziel für die Kollegen die sich mit Erdbeobachtung beschäftigen. Voller Service sozusagen.
Bis es soweit ist empfehle ich folgendes Vorgehen: Wir eröffnen einen Shop. Einen Shop über die vorhandenen Daten. Bis hier denken vermutlich alle – haben wir schon. Stimmt. Was wir aber nicht haben sind Wiederverkäufer. Wir eröffnen also einen neuen Shop für alle Bilddaten jemals und eröffnen den Anbietern die Möglichkeit sich hierfür zu registrieren um dann als Teilnehmer eines gemeinsamen Marktes die Bilddaten anzubieten. Das hilft schon mal die Effizienz zu steigern und – wegen des größeren Angebots – senkt die Wahrscheinlichkeit dafür, dass ich als Kommandeur in Zivilkleidung auffalle.
Den Lagerbestand hätten wir also abgefrühstückt. Jetzt wird es etwas anspruchsvoller. Zurück zur geheimen Studie. Eigentlich ist ein Satellit zur Erdbeobachtung nicht wirklich viel verschieden vom Fotografen einer Hochzeit. Wenn du ein Bild brauchst rufst du ihn an und sagst ihm: Komm vorbei, ich brauch ein Foto. Im Raumsegment ist das natürlich etwas aufwändiger weil es dafür Bahnmanöver braucht, dann muss der Satellit vielleicht noch grob in die richtige Richtung orientiert werden bis dann schließlich die Linse oder Antenne oder weiß der Geier was so ausgerichtet ist, dass das Motiv im Sucher auftaucht.
Meine Kollegen sind damals sofort ins technische eingestiegen und haben sich mit dem Einkaufskorb zum Shop beschäftigt und überlegt wer denn wohl zuerst zu bedienen sei. Schließlich geht es um die Sicherheit. Nationale Interessen genießen Vorrang, es geht ums Überleben. Ich war damals gedanklich irgendwo bei den Kollegen zur Theorie über die Warteschlangen. Die machen eigentlich nichts anderes die ganze Zeit darüber nachzudenken, wer denn wohl bei einer Bestellung zuerst zu bedienen sei. In der Informatik kennt man dieses Phänomen auch. Dazu priorisiert man die Anforderungen in der Warteschlange an Hand definierter Kriterien. Das wollen wir hier erst einmal so stehen lassen. Es wird ein bisschen dauern, bis wir gemeinsam heraus gefunden haben, was denn das für Kriterien sein könnten.
Inzwischen tun wir folgendes: Wir schlagen ein neues Kapitel in der Erdbeobachtung auf. Dieses Kapitel trägt den schönen Arbeitstitel „Was haben Landwirte und Betreiber der Raumsegmente von satellitengestützter Erdbeobachtung gemeinsam? Richtig: Termingeschäfte“.
Dazu eröffnen wir keinen Shop sondern eine Börse. Eine Börse für Warentermingeschäfte. Damit wir das nicht alles neu erfinden müssen besuchen wir die Börse in Stuttgart oder sonst wo und lassen uns erklären, wie denn diese Termingeschäfte so funktionieren. Wir wollen dort keine Software kaufen sondern das Prinzip begreifen lernen. Im Grunde ist es einfach: Ein Landwirt baut irgendwas an und weiß zum Zeitpunkt t, dass er die angebaute Frucht zum Zeitpunkt t+n ernten kann. Diese Frucht kann er dann als Terminkontrakt an der Börse platzieren.
Der nächste Schritt ist es dann einen oder mehrere Broker, also Makler einzusetzen, die sich darum kümmern aus all diesen schönen Terminkontrakten den besten auszuwählen. Damit hätten wir das Problem über die beste Reihenfolge der Bedienung immerhin schon mal auf einen gemeinsamen Handelsplatz, das Parkett reduziert. Außerdem freut sich der Kommandeur darüber, dass seine Truppen noch schlechter auszumachen sind bei dem ganzen Gewusel auf dem Parkett.
Tja, und eigentlich war es das dann auch schon mit der Aufklärung. Bis hier geht’s nur um Sicherheit und die kennt keine Grenzen.
SICHERHEIT IST GRENZENLOS.
Ich gebe zu, wenn es um die Souveränität geht seht die Sache anders aus. Ganz anders. Aber dafür haben wir schon einmal einen Slot reserviert. Einen Slot, um die Kriterien zu definieren, die die Priorität in der Warteschlange festlegen. Soweit zur Nachfrage. Es wird ein Jahrzehnt brauchen, bis wir gelernt haben was dies für uns bedeutet. Ganz grob gesagt ist die Marschrichtung die folgende: Im besten Fall ist der Kommandeur immer und überall allzeit bereit. Um dies zu erhalten trifft er informierte Entscheidungen. Eine mögliche Entscheidung ist es den Fotografen zu bestellen und ein Hochzeitsfoto machen zu lassen.
Jetzt zum Angebot. Damit das Hochzeitsfoto nun korrekt in das Auftragsbuch des Fotografen eingereiht werden kann – dieser kann nicht immer überall verfügbar sein – bräuchte es eine Auktion. Eine Auktion darüber, die Fotografen hilft den potenziellen Käufern ihre Leistungen zum fairen Preis am Markt feilzubieten. Mit ein bisschen Glück stellt sich dann für diesen Markt ein Gleichgewicht ein.
Liegt das Gleichgewicht nicht vor und kann das Gleichgewicht nicht länger erhalten werden, ruft man einen Fachmann über die Theorie zur Entropie von Information zu Hilfe und fragt woran es liegt. Der wird dann sagen: Es ist Carsten, er gibt das Signal zum Aufbruch. Statistisch gesehen ein Ausreißer.
Guten Morgen Deutschland.
