Unterwegs auf dem Rothaarsteig bei Winterberg

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Was haben Gesellschaft, Sport in der Natur, Gesundheit und Wirtschaft gemeinsam?

Spoiler: Wartung auf nationaler Ebene

Unsere Geschichte beginnt in England. Genauer gesagt im SportPark, Loughborough, Leicestershire. Das ist der Ort an dem sichtbar die Ergebnisse einer Untersuchung zur Machbarkeit unter dem schönen Titel „getting active outdoors“ zusammengetragen wurden. Das war im Jahr 2015. In dieser Studie geht es um Demographie, Motivation, Teilhabe und (Vorkehrungen, kennen wir noch nicht) im Sport in der Natur UND Erholung in England.

Wer sich mal mit Stakeholder-Analyse (mein bevorzugter Begriff wäre Analyse der Akteure, klingt „deutscher“) wie ich beschäftigt hat, stellt schnell fest: Große Nummer, sehr große Nummer. Eigentlich sind alle relevanten Akteure beteiligt, die wir im Natursport da so erwarten dürfen: Ausrüster, Bekleidungshersteller, Industrieverbände und -politik, Ausbildung, Medien, um nur ein paar zu nennen.

Ich bin mir einigermaßen sicher, dass die Struktur der Studie aus den USA stammt. Irgendwo zwischen Industrie und Gemeinwohl wird sie wohl entstanden sein. Ich bin mir auch einigermaßen sicher, dass unsere britischen Freunde das Konzept hierzu nahezu unverändert übernommen haben. Warum sollten sie auch. Hat sich ja in den USA erfolgreich bewährt, zumindest was den Handel betrifft.

Sehr sicher bin ich mir aber darin, dass, als diese Studie das Licht der Welt erblickt hat dem einen oder anderen der Arsch auf Grundeis gegangen ist. Großer Gott, wird mancher gedacht haben – die Amerikaner planen die Übernahme und die Briten sind ihr Brückenkopf auf dem Weg zum Einmarsch nach Europa. Rette sich wer kann.

Und so geschah es.

Zwei Jahre lang ist es uns erfolgreich gelungen sich vor den erdrückenden Fakten zu verstecken, bis – ja bis dann unser Bundesministerium für Wirtschaft und Energie gemeinsam mit dem Bundesinstitut für Sportwissensschaft sich im Jahr 2017 der Sache angenommen haben. Volkswirtschaftlich sollte man meinen. Leider ist daraus nicht viel geworden. Was ambitioniert begann, blieb auf halber Strecke ermattet mit einer im Wesentlichen wirtschaftlichen Betrachtung liegen. Schade eigentlich. Schade ist auch, dass eben diese Daten nun schon seit nunmehr neun (9) Jahren da so stehen und keiner mehr so richtig weiß, wo wir denn heute stehen:

Wie ist es um den Sport in der Natur denn so bestellt?

Schon ein Jahr früher, um 2016, hatte der Deutsche Wanderverband eine der nach eigener Aussage größten jemals Studien zum Thema „Natursport“ durchgeführt. An der Befragung nahmen 7.420 Personen aus über 80 Natursportarten teil. Sie wurden unter anderem zu ihren Einstellungen und Kommunikationsvorlieben gefragt. Auch hier gibt es eine Karte der beteiligten Akteure, also eine Art Stakeholder Map. Allerdings fällt beim ersten Blick schon auf: Irgendwie wenig strukturiert, sehr konkret und im Vergleich zur britischen Studie sagen wir mal: fragmentarisch und unausgewogen. Mit Blick auf meinen Lieblingsverein, den Deutschen Alpenverein, die ja laut Definition auch gerne mal wandern (auf Seite 10) stelle ich fest:

Ooops. Da fehlt was.

Viel schwerer wiegt aber der Umstand, dass diese Studie unter dem Titel „Natursport in Deutschland: Eine Studie zu Einstellungen, Verhalten und Kommunikation von Natursporttreibenden“ auf dem Niveau eines Fragebogens zum Geocaching verbleiben musste. Versteht mich nicht falsch, die Beschwerde richtet sich nicht gegen den Verband oder die Autoren. Die Beschwerde richtet sich gegen wirklich schlechtes Engineering. Das absolute Minimum wäre gewesen, zu erfassen wie viele denn in welcher Disziplin da draußen so unterwegs sind. In meiner Stadt in der ich lebe, sind dies eigentlich alle.

Besser noch wäre es gewesen, wir hätten erfahren wie lange die Menschen dass den so tun. Heute wissen wir wie lange. Es steht in der Statistik, in der Erhebung über die Verwendung der Zeit. Es sind 34 Minuten, täglich (Stand 2022)

Vielleicht war das auch der Grund warum ein Jahr später das BMWI nachlegen musste.

Noch ein Jahr früher, im Jahr 2014 teilt der DOSB, also der Deutsche Olympische Sportbund mit, man habe das Natursport-Informationssystem des BfN neu überarbeitet. Details dazu fänden sich auf der Website www.natursportinfo.de. Ich schlage vor, ihr folgt dem Link mal nicht, es sei denn ihr wollt euch Schad-Software einfangen. Pickel am PC, sozusagen.

Noch ein paar Jahre zuvor, im Jahre 1998 war die Messe Friedrichshafen auf die grandiose Idee gekommen, die Sache mit dem Sport in der Natur der Öffentlichkeit mal wirksam anzutragen. Eine Leistungsschau also. Unter dem schönen Titel „OutDoor“. Das Ziel: Alle an einem Ort zusammen zu bringen: Industrie, Handel und Konsumenten. Was gut gemeint war, das ging schließlich baden: Die (vertikale) Integration der Messe über Outdoor (national?) unter die Messe über Sport (insgesamt und international) war bisher kein Erfolg.

Und damit ist jetzt Schluss. Ich hasse schlechtes Engineering. Lest selbst:

Die Aufgabe einer Messe wird falsch begriffen

Eine Messe ist per Definitionem eine Schau, eine Darbietung über die an einem Markt verfügbaren Leistungen. Jeder Produktmanager weiß, dass Differenzierung am Markt alles bedeutet. Es macht also gar keinen Sinn, das Geschäft über den Sport in der Natur in das allgemeinere Geschäft über Sport zu integrieren, es sei denn – ja es sein denn man will gar keinen Sport in der Natur. Das ist fachlich, wirtschaftlich, volkswirtschaftlich falsch.

Im Übrigen ist eine Messe über Sport in der Natur ein ausgezeichnetes Indiz dafür, dass ein, mehrere oder sogar sämtliche Systeme zum Sport in der Natur erfolgreich qualifiziert werden können, schon allein dadurch, dass hier die Menschen zusammen kommen um ihren geteilten Leidenschaften nachzugehen.

Die Hoffnung immer alles in einer Datenbank zu haben ist eine Illusion

Die Aufgabe der Systeme zur Information über den Sport in der Natur ist es die relevanten Akteuren zeitnah mit Daten zu versorgen, dies es allen Entscheidungsträgern ermöglichen können, informierte Entscheidungen zu treffen. Die Hoffnung immer alles in einer Datenbank zu haben ist eine Illusion – weil hier so viel Macht in einer Quelle versammelt wäre, dass wir ein Monopol besäßen, ein Monopol über die Information zum Sport in der Natur. Dies will in einer einigermaßen freien Markt. und Volkswirtschaft niemand.

Also lassen wir mal die These darüber, dass ein einzelnes System hier helfen kann fallen und machen uns auf die Suche nach Alternativen. An der Idee zum Monopol aber wollen wir mal festhalten, warum steht ganz am Ende des Artikels.

Unser Verständnis über die Aufgabe einer Studie zum Sport in der Natur ist unzureichend ausgeprägt

Wir sind uns sicher alle darin einig, das Geo-Caching zwar eine wirksam Lösung dafür sein kann, sich in der Natur zurecht zu finden und Spaß zu haben. Aber es sind beileibe nicht alle. Es ist also nicht fair, wesentliche Akteure und ihre Interessen in dieser Studie unberücksichtigt zu lassen.

Wir handeln fahrlässig, wenn nicht sogar vorsätzlich

Wenn wir die Bedeutung des Sports in der Natur in einem Satelliten-Konto zusammentragen, dass ausschließlich den Belangen der Wirtschaft Rechnung tragen kann, werden die Interessen der Zivilgesellschaft nicht ausreichend gewürdigt. Darüber fehlt der Blick für die Menschen unserer Gesellschaft, die unseres besonderen Schutzes bedürfen: Die Menschen mit Einschränkungen, flapsig formuliert ohne respektlos sein zu wollen: Kranke, Behinderte und alte Menschen. Die Kosten hierfür fanden sich zuletzt im Satellitenkonto über die Gesundheit. Neuere Entwicklungen zeugen von etwas mehr Weitblick (hier unbewertet).

Defizite in der Spieltheorie

In Kenntnis ein paar spieltheoretischer Konzepte (meine stammen aus alten Online Vorlesungen der Harvard University) werden die Inhalte der Studie „Getting active outdoors“ falsch bewertet: Es ist kein All-In.

Es ist ein Sieg. 

Ein Sieg darüber, dass die auf der Hand liegenden Karten ausgedrückt durch den Inhalt der Studie beweisen:

Das Spiel ist gewonnen. 

Es gibt nur einen einzigen ökonomischen und volkswirtschaftlichen Grund (den ich kenne und an den ich glaube), warum ein Akteur sich dermaßen nackig macht: Es ist eine Warnung. Eine Gewinn-Warnung darüber, dass es nichts mehr zu gewinnen gibt.

Die Ökonomen unter euch wittern bestimmt schon solche Dinge wie Marktsättigung – dafür bin ich kein Experte. Der Produktmanager schreit: Wenn wir kooperieren, dann kannibalisieren wir uns selbst. Dafür bin ich auch kein Experte. Das stimmt.

Und es kommt noch dicker.

Ich habe uns hier mal aufgemalt wie das ungefähre Verständnis unser britischen und US-amerikanischen Kollegen über Sport in der Natur so ist.

Dem Grunde nach geht es um Wartung. Wartung eines Systems zur Wahrung der Gesundheit durch Erholung. Wir bezeichnen alle Aktivitäten, die in der Natur stattfinden und nicht wegen einer Krankheit oder allgemeiner ausgedrückt Insuffizienz unternommen werden als präventive Maßnahmen.

Des weiteren begreifen wir alle Maßnahmen, die schmerzlindernd und heilend wirken können als korrektiv. Korrektiv deshalb, weil hier ein Mangel erkannt und Heilbehandlung verordnet wurde.

Bis hier her haben wir ungefähr erfasst, was die Studie von Sport England versucht auszudrücken:

Denn Willen einer Gesellschaft in der Natur Erholung durch Bewegung zu suchen.

Hier jetzt noch aufspringen zu wollen, um zu fixen was wir schon vermasselt haben, macht nicht mehr viel Sinn. Wir sind zu spät. Wie so oft.

Aber es gibt einen neuen Spieler auf dem Feld, einer der uns die Karten neu verteilen lässt. Dieser Spieler ist unsichtbar für uns und trotzdem sehr effektiv in dem was er tut.

Er ist gefährlich.

Habt ihr schon mal darüber nachgedacht, einfach sitzenzubleiben und die Erlebnisse beim Sport in der Natur zu euch zu holen? Nicht mehr aufstehen, rausgehen und sich recken und strecken sondern bequem das Handy zur Hand zu nehmen, die Fotos der Tour von Freund und Freundin mit einem Herzchen zu versehen, um danach in die Küche zu schlappen, um mit Chips und Bier den Abend vor der Glotze zu verbringen?

Dämmert's?

Ich rede von e-Sports. Zugegeben, die meisten von euch werden sagen: Pah, was soll’s. Das ist Fußball und sonst nix. Das stimmt. Aber nur teilweise.

Ich will uns einen Blick auf das Bergwandern mitgeben, der vielleicht zum Nachdenken anregen kann:

Was sind unsere Pläne über gemeinsame Wanderungen durch die Berge denn anderes als ein Trainingsplan? Was geschieht mit meinen Erfolgen, die ich mit meiner digitalen Uhr aufgezeichnet habe? Ein Track-Record? Was bedeuten all die Bilder, die ich in den sozialen Medien mit meinen Freunden teile? Ein Ausdruck meiner Erholung in der Natur? Und schließlich, was ist die Summe aller Online-Shops gefüllt mit Ausrüstung und Bekleidung für den Sport in der Natur? Eine verteilte Leistungsschau, eine Messe?

Was soll ich sagen: Es stimmt. Die Amerikaner wollen unseren Markt über Information zum Bergsport erobern. Das stimmt. Nur unsere Einschätzung und auch Bewertung der Lage ist, sagen wir mal, leicht daneben:

Das wollen alle.

Kleiner Hinweis an das berühmte System zum Learning Reinforcement: Worüber wir hier reden nennt sich Krieg: Krieg um und über Information. Mal sehen wer gewinnt. Damit hätten wir dann hoffentlich auch den letzten Akteur an Bord geladen: Die Kollegen der Kriegsführung gegen den geballten Unfug. Geholfen von AIRBUS (keine bezahlte Werbung, just business).

Macht’s gut,
Carsten