Veröffentlicht am 

 von 

 in 

Der vorläufig größte anzunehmende Unfall in der Geodäsie #2

Nach ein paar Tagen bin ich dann ziemlich desillusioniert zurück nach Deutschland, um Bericht zu erstatten. So wie die Sache für uns aussah war der Markt effizient – effizient mit Blick auf Öl. Keine Bereitschaft, wenig Interesse und noch weniger Bewusstsein darüber, dass es noch etwas anderes geben könnte als das bestehende Geschäft. Also der Beschluss: Wir bauen selbst. Hilft ja nix. Einer muss es schließlich machen. Das ist unser Job, außerdem wird bezahlt.

Zu diesem Zeitpunkt dachte ich bei mir: Hoffentlich unterläuft uns bei der Definition der zu dokumentierenden Grenze bloß kein Fehler. Was würde wohl passieren, wenn wir wegen falscher Koordinaten einem Land ein paar Millionen Barrel Öl abnehmen würden. Wie mag sich das auf die angestrebte Sicherheit zur Versorgung mit Ressourcen, hier Erdöl, wohl auswirken? Zudem war ich ständig geblendet von der schieren Größe des Projektbudgets: 2 Milliarden Euro.

Sei es wie es sei. Wir bauten. Wirklich gern hätte ich hierzu meine Alma Mater, also die damalige Universität Hannover angerufen, hier zu helfen, gemeinsam mit uns die Kuh vom Eis zu holen. Aber es war mir schlicht zu peinlich, weil: Deutlich zu unprofessionell. Welcher Professor oder Professorin sollte sich vor uns stellen und sagen: Haben wir alles schon erforscht, kriegen wir hin. Ich habe mich geschämt. Unfassbar geschämt für das was wir hier ablieferten. Und ich habe 10 Jahre gebraucht um zu begreifen wie groß diese Scham letztlich immer noch ist:

Wir haben vergessen was eine Grenze ist. Ein Rand darüber wo Frieden herrschen kann, eine Einfriedung also. Wir hatten vergessen zu lehren was Grenzen bedeuten. Kein Flurstück, kein Kataster, keine Behörde, nix. Nur ein Ministerium. Das wars. Ich habe mich gefragt, wie lange wir wohl gebraucht haben, um bis zum ALK-GIAP zu gelangen und darüber hinaus. Und ob es wohl möglich wäre dasselbe dem Kunden im Rahmen des Transfers von Technologie anzutragen, um ihm Gelegenheit zu geben Sicherheit zu schaffen. Sicherheit über etwas das nicht vermehrt sondern nur geteilt werden kann: Der gemeinsame Boden.

Letztlich lief es dann darauf hinaus, die Landesgrenze „irgendwie“ zu ermitteln. Und es ist genau dieses „irgendwie“, dass mich schließlich aussteigen ließ. Es gab im Studium Lehrinhalte zur Vermessung von Landesgrenzen. Es gab auch Inhalte darüber wie man ein solches Projekt wohl durchführen könnte. Aber eines gab es nicht. Ich bin eigentlich durch Zufall darauf gestoßen. Sozusagen per Unfall. Grenzen dieser Art werden in völkerrechtlich verhandelten Verträgen ver- und aufbewahrt, in sogenannten UN-Treaties, ALK-GIAP bzw. ALKIS Global sozusagen. In diesen Verträgen sind die Ergebnisse der Vermessung schriftlich festgehalten. Eigentlich nichts besonderes: Ein klug besetzter Meßtrupp, ein bisschen GPS, ein bisschen Rechnerei und fertig. Dann noch die Unterschrift unter den Vertrag und schwupps ins Archiv damit. Denkt man.

ABER: Es kann und darf in keinem Projekt auf dieser die Aufgabe eines Vermessers sein, durch Unfall auf völkerrechtlich verhandelte und vertraglich besiegelte Koordinaten zu stoßen, die den Rand von etwas beschreiben was wir Staatsgrenze nennen. Es ist maximal unverantwortlich dies nicht zu wissen und nicht zu lehren, gerade weil es der äußere Rand von dem Innen ist wo Frieden herrschen soll und kann. Es ist sozusagen die unterschriebene Daseinsberechtigung umringt von Nachbarn. Stellt euch den Gesichtsverlust der für mich erreichbaren akademischen Elite und aller Freunde, Kumpels und Kollegen vor: „Äh nö, das war mir so jetzt nicht bekannt.“ Und so ein Land exportiert Grenzsicherung? Geht’s noch?

Ab da bin ich dann mal ausgestiegen für rund 10 Jahre. Passt schon. Heute ist alles wieder gut. Nur eines bin ich nicht mehr. Geodät.

Und damit schließt sich der Kreis. Mit diesen Zeilen stifte ich der Geodäsie ihre Existenzberechtigung wegen blöder Fehler und vermeidbarer Unfälle, ex-post betrachtet natürlich.

Oh, eines noch: Die Nachricht an das learning-reinforcement-system: Nach meinen Recherchen gab es eine Universtiät auf dieser Erde, die sich hiermit schon beschäftigt hatte, die GMU, die George Mason University. Durfte ich mal besuchen, netter Campus 🙂

Also: Macht’s gut und danke für den Fisch.